Manfred Musielak zum Gedenken

von Norbert Heymann


An unserem Donnerstag-Trainingsabend am 7.Oktober in seinem Schach-Cafe erfuhren wir: Manfred Musielakist vor zwei Tagen verstorben. Einen Monat zuvor, anläßlich der 20-Jahr-Feier unseres Schachvereins ernannten wir ihn zu unserem ersten und bisher einzigen Ehrenmitglied. Das hat ihn, der eigentlich wenig übrig hatte für Würdigungen und Formalitäten, doch sichtlich berührt. Aber alle, die ihn besser kannten, merkten auch, wie krank er war. Nie vergessen werde ich seinen überraschenden Telefonanruf am späten Abend dieses Tages bei mir zu Hause, was für ihn völlig ungewöhnlich war. Es ginge ihm gut, beruhigte er mich gleich. Aber er wollte unbedingt loswerden, wie toll er die Entwicklung des Vereins finde, auch wenn er in manchen Fragen öfter mal quer geschossen habe. Wir sollten so weitermachen! Mein erstes Gefühl war: das war ein Abschied! Aber ich wollte das so nicht wahrhaben. Also ermunterte ich Manne, schnell wieder gesund zu werden, damit wir bald unsere nächste Partie im spanischen Marshall-Angriff (seine eigentliche Lieblingsvariante) spielen könnten. Wenn Manne etwas nicht mochte, dann war es, groß von sich zu erzählen. Und dabei hätte er so viel zu erzählen gehabt. Als typisches Kind des Berliner Ostens beendete er 1958 seine Berufsausbildung beim VEB HO Gaststätten Berlin. Und Gastwirt war er dann sein ganzes Leben lang - ein Leben, das voller Arbeit und Überraschungen war. So war eine seiner abenteuerlichsten Arbeitsstationen die im Restaurant der Sonderplatte des DDR-Flughafens Berlin-Schönefeld, wo er alle möglichen und unmöglichen „Größen“ aus dem In- und Ausland bediente... Schach erlernte Manne relativ spät: erst mit 15 Jahren machte er die ersten Züge bei HO Berlin. Mit fast 40 spielte er als Mitglied von Rotation Berlin beim Kurt-Richter-Gedenkturnier und errang die Leistungsklasse 1. Die Älteren unter uns werden sich erinnern: das war zu DDR-Zeiten schon eine Art Ritterschlag. Mannes Lieblingsspieler war Bobby Fischer und seine Lieblingsvarianten allesamt Gambits - je schärfer umso besser: Marshall, Albin, Blackmar-Diemer, Traxler... Er kannte nur eines: volles Risiko! Die Wendezeit wollte er für ein neues Abenteuer nutzen und sich einen alten Traum erfüllen: ein Schachrestaurant! In Oranienburg nahm er Kontakt zu unserem gerade erst gegründeten Schachclub auf. Während wir glücklich waren, ein Domizil zu bekommen, ging Manne - wie es seine Art war - voller Elan daran, ein Turnier nach dem anderen zu organisieren. Bald waren seine Events weit über die Grenzen Oranienburgs hinaus in der Schachszene bekannt, verloren in der Fülle der nun entstehenden neuen Angebote aber allmählich auch an Zugkraft. Und so kam auch der Moment, wo er sich von unserem Verein und seinen Mitgliedern etwas im Stich gelassen fühlte: zu seinen Turnieren kamen immer weniger eigene Leute, der gastronomische Umsatz bei den Trainingsabenden ging zurück. Und richtig sauer konnte er werden, wenn jemand dann auch noch seine eigenen Stullen oder Tee in seine Gaststätte mitbrachte....
Manne wird uns fehlen: als Schachspieler, Kumpel und Mensch. Im November wäre er 69 Jahre alt geworden. Wäre er noch unter uns, würde er sicherlich sagen: „Ach was! Es geht weiter!“. Und sollte es einen Himmel geben, dann werden wir eines Tages unsere spanische Marshallvariante dort zu Ende spielen...
Gerhard Großmann

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